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Der Karlsruher Architekt Hans Zippelius (1873-1956). Baugeschichte im Spannungsfeld von Reform und Tradition
Sophia Stefanie Kluge bei Professor Ludwig Wappner
die Doktorprüfung hat im Oktober 2018 stattgefunden

 

Forschungsgegenstand dieser Arbeit ist das architektonische Oeuvre des Architekten Hans Zippelius, der hauptsächlich in den Jahren 1903-1938 als Architekt in Karlsruhe tätig war.
Der Zippelius-Bestand im saai Karlsruhe gehört zu den Werknachlässen jener Architekten, die trotz anspruchsvoller Bauten eher „in zweiter Reihe“ gewirkt haben und deren Namen heute größtenteils in Vergessenheit geraten sind. Dabei zeigen gerade ihre Gebäude, die im Vergleich zu denjenigen der „Stararchitekten“ ihrer Zeit die Mehrheit ausmachen, einen repräsentativen Querschnitt des damaligen architektonischen Schaffens und stellen für die Baugeschichte einer Stadt wichtige zeitgenössische Dokumente dar. Der architektonische Anspruch sowie besondere biografische Verflechtungen, die hinter diesen Bauten stehen können, eröffnen sich oft erst mit der Aufarbeitung eines solchen Werknachlasses, die dazu beitragen kann, noch manches Gebäude von architektonischer Bedeutung wieder ins allgemeine Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Mit der Aufarbeitung des Zippelius-Bestandes im saai soll somit ein Beitrag geleistet werden, den Wert auch dieser Bauten aufzuzeigen.
Gerade in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, die architekturgeschichtlich oft mit dem sehr ungenauen Begriff „Jugendstil“ assoziiert werden, nimmt Zippelius, der zuvor fünf Jahre im Büro von Hermann Billing tätig war, seine berufliche Laufbahn als Architekt auf. Hans Zippelius ist damit derjenigen Generation Architekten zuzurechnen, die ein freies, künstlerisches Entwerfen und die Abkehr vom dogmatischen Festhalten am historistischen Formenapparat propagieren. Es wird daher als erster Schwerpunkt der Arbeit diese spannende Phase in der Entwicklung seiner Formensprache und sein Verständnis von Reformarchitektur herausgearbeitet. Der zweite Schwerpunkt der Untersuchung wird auf sein Werk in den 1920er Jahren gelegt; eine Zeit, die für die Architekten nicht nur von großer wirtschaftlicher, sondern auch gestalterischer Unsicherheit geprägt war und von Ihnen eine Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne abverlangte. Es wird dabei auch untersucht, wie sich Zippelius in dieser Frage positionierte, da seine Entwürfe nicht unter die aufsehenerregenden Bauten der Architektenavantgarde der neuen Sachlichkeit fallen, die nur 5-10% der tatsächlichen Bauten ausmachten,1 sondern eher zu einer gemäßigteren, angepassten „Alltagsarchitektur“ dieser Jahre gehören, in denen hauptsächlich die große Wohnungsnot bekämpft werden musste.
Zudem wird Zippelius sehr von seiner Studienreise in den Jahren 1905-1908 geprägt, die ihm durch das Martin von Wagner-Stipendium der Universität Würzburg ermöglicht wird und die ihn nach Italien, Griechenland, Kleinasien und Ägypten führt. Zippelius nimmt während dieser Reise an wichtigen archäologischen Ausgrabungen, u. a. bei Theodor Wiegand in Milet und Wilhelm Dörpfeld in Pergamon, in einer Zeit teil, in der sich die archäologische Bauforschung gerade zu einer systematischen Grabungswissenschaft entwickelt. In der vorliegenden Arbeit werden deshalb nicht nur seine Arbeiten im Rahmen der Ausgrabungen vor Ort vorgestellt, sondern es wird ebenfalls untersucht, wie sich die Rezeption seiner Studienreise bzw. die wechselseitige Beeinflussung von Architektur und Archäologie in seinen Bauten niederschlägt, auch im zeitgenössischen Kontext mit dem erwachenden Interesse gerade an der archaischen Frühzeit Griechenlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine von der Studienreise geprägte charakteristische Handschrift und sein besonderer Umgang mit der erlebten Baugeschichte lassen ihn somit zu einer sehr individuellen Architektursprache finden. Ziel der Arbeit ist es, Zippelius‘ Werk in den historischen und biografischen Kontext einzubetten und seine stilistische Entwicklung herauszuarbeiten sowie seine Rolle in der Karlsruher Architekturgeschichte aufzuzeigen. Die vorliegende Monographie stellt die Ergebnisse umfangreicher Recherchen vor. Dazu gehört auch die Erfassung seiner Bauten und Projekte in einem Werkverzeichnis, das einen chronologischen Überblick über Zippelius‘ Schaffen gibt.